Jazz & The City 2018: 17.-21. Oktober

Jazz & The City 2018: Neuentdeckt trifft altbekannt

Der Spannungsbogen von Jazz & The City 2018 breitet sich auch über die vergangenen Jahre in die Zukunft, wenn WiederholungstäterInnen und Newcomer von 17.-21. Oktober in Salzburg ihre aktuellen Projekte präsentieren.

„Let’s get lost“

lautet heuer das Motto des Festivals für „Jazz, World und Electronic Music“. Man soll sich treiben lassen, die Dinge und Klänge auf sich zukommen lassen, am besten so spontan, wie man es vom Jazz gewohnt ist. Das heißt nicht, dass man völlig unbedarft in das Altstadtgeschehen eintauchen muss. Ein paar Highlights finden sich hier.

Die Sortierung nach altbekannten und neuen Gesichtern soll dabei auch die Nachhaltigkeit von Jazz & The City betonen: nicht nur, dass die KünstlerInnen gerne wieder in die Altstadt kommen, auch den MacherInnen des Programms ist es ein Anliegen, neue Bands und Projekte lieb gewonnener MusikerInnen nach Salzburg zu holen.

Criterion of the Senses

Zum ersten Mal überhaupt kommt 2018 der Sänger und Multiinstrumentalist Ed Motta, ein Superstar in seiner Heimat Brasilien, zu Jazz & The City. Sein neustes Projekt „Criterion of the Senses“ ist ein Tribut an den von Jazz und Soul verwöhnten „Yacht Rock“ oder „AOR“, also: Adult Oriented Rock, der Siebzigerjahre.

Die neuen Kompositionen des „Koloss von Rio“, die sich gerne vor Steely Dan verbeugen, lassen dabei viel Raum für Improvisation. Die Texte regen an, ebenfalls passend für einen Fan von Donald Fagen. Auch zur Spekulation.

Opening am 17. Oktober

Das eröffnende Groß-Ensemble ist das Trondheim Jazz Orchestra. Seit nunmehr 19 Jahren leistet sich das dortige Jazz-Festival ein eigenes Improvisationsorchester, hochkarätig norwegisch besetzt, gerne mit internationalen Gästen von Chick Corea über Pat Metheny bis zu Joshua Redman.

Gemeinsam mit der ebenfalls erstmalig in Salzburg gastierenden Formation Hearth, bei der die Pianistin Kaja Draksler auf drei experimentierfreudige Brass- und Reed-Musikerinnen aus Portugal, Argentinien und Dänemark trifft, spielt das Orchester in Salzburg ein völlig neues, vor Ort erarbeitetes Programm.

Wie genau das klingt, steht noch in den Sternen. Sicher ist nur, dass es großartig wird – und sich Musiker des Großensembles auch während der weiteren Festivaltage in kleinerem Rahmen präsentieren.

„Lieber Tod als Erniedrigung“

…hat die Flötistin Naïssam Jalal, 1984 als Tochter syrischer Einwanderer in Frankreich geborenen, ihr aktuelles Album betitelt. Von wütender Energie, aber auch lyrischer Schönheit geprägt, sind die Songs dem syrischen Aufstand gewidmet.

Begleitet wird sie von ihrem Quintett „Rhythms of Resistance“, das sie, von John Coltranes Improvisationen angeregt, 2011 mit KollegInnen aus Ungarn, Marokko, Deutschland und Italien in Paris gegründet hat.

Unverhofft kommt eher selten, besonders in der Jazzwelt. Um sich zu profilieren, suchen Bands früh Befürworter in den Medien, außerdem ManagerInnen, Promoter und Labels. Es folgen, um Engagements oder Vertriebe zu finden, die einschlägigen „Jazz Messen“, etwa die jazzahead in Bremen oder Injazz in Rotterdam.

Am Rande Letzterer, fernab vom sorgfältig kuratierten Programm, fanden sich diesen Sommer einige der MacherInnen von Jazz & The City zur Verschnaufpause. Erst zwei Stunden später verließen sie das Lokal. Was war geschehen? Die Schw!ng Jazz Band, vier Jazzstudenten aus den USA, UK, Österreich und Holland, hatten ihr feierfreudiges Set aufgefahren.

Standards aus dem American Songbook, Folk-Songs und Gassenhauer aus Disney-Filmen in einfachen, einfach guten akustischen Jazzarrangements. Jetzt treten sie zum ersten Mal außerhalb Rotterdams auf. Eine echte Entdeckung.

„nom de plume“

Ein „nom de plume“ ist den Briten ein Pseudonym. Gus Fairbairn aus London via Manchester schmückt sich als Alabaster DePlume mit allerlei Federn, von Performances über Kurzfilme und Gedichtlesungen in der Kneipe oder dem Zirkus. Auf mittlerweile drei Alben beweist Alabaster sich auch als Saxofonist, ist sogar für Shabaka Hutchings „definitiv einer meiner Lieblings-Saxofonisten aus diesem Land“.

Seine eigenartige Popmusik mit mindestens so viel Jazz wie Wagemut präsentiert er in diesem Jahre erstmalig in Salzburg. „Takes the biscuit”, meint DJ Magazine, und Gilles Petersons Worldwide FM gönnte ihm sogar eine Live-Session.

„Urbaner Afrikaner“

Der Gitarrist und Sänger Herve Samb, neulich in der Band seiner Kollegin Somi in ganz Europa unterwegs, bezeichnet sich als „urbanen Afrikaner“ und sieht sich damit dem Asphaltdschungel näher als dem romantisch verklärten Wildwuchs seiner senegalesischen Heimat.

Vom Rock aus fand er über den Blues zum Jazz – und über die Zusammenarbeit mit David Murray, Meshell Ndegeocello oder Oumou Sangaré schließlich zu seiner eigenen, lyrischen Song-Sprache zwischen entschleunigtem Afro-Beat und energischer MBase-Fusion.

Auf seinem aktuellen Album „Teranga“ bringt er sogar Standards wie „Days Of Wine And Roses“ oder Coltranes „Giant Steps“ Mbalax-Rhythmen bei. „Jazz kann Wolof sprechen“, meint der 39-jährige.

Dialog zwischen musikalischen Welten

Im Trio „Onchao“ treffen die beiden Österreicher Mario Rom und Lukas Kranzelbinder, zwei eindeutige Wiederholungstäter des Festivals, zum ersten Mal auf den französischen Oud-Spieler, Gitarristen und Komponisten Gregory Dargent.

Kranzelbinder wurde 2018 als Kurator des legendären SWR NewJazzMeetings in Baden-Baden ausgewählt und hat dafür ein Septett zusammengestellt, dem unter anderem auch Gregory Dargent und Mario Rom angehören werden.

Bei Jazz & The City kann man die drei international umtriebigen Künstler nun für ein exklusives Konzert im intimen Dialog zwischen den musikalischen Welten erleben.

„Altbewährtes“ bei Jazz & The City 2018

Womit wir eigentlich schon mit einem Fuß im Altbewährten wären. Der in New York lebende Trompeter Volker Goetze präsentierte im letzten Jahr bei Jazz & The City nicht nur ein Quintett, sondern auch ein Trompete-Kora-Duo und seinen Film über die Zusammenarbeit mit Ablaye Cissoko.

Mit „Unique Places of Death NYC” kommt der Komponist und Multimediakünstler heuer zum Festival. Inhaltlicher Kern ist das Gedenken an nicht identifizierte Verstorbene, die gewaltsam oder durch Selbsttötung starben. Auf der östlich von Brooklyn gelegenen Insel ‚Hart Island‘ fanden sie in Massengräbern ihre letzte Ruhestätte.

In einer Kombinationen der kulturellen Einflüsse aus Europa, Afrika und Nordamerika bildet Goetze dazu ein Gesamtkunstwerk mit Live-Performance, Videoinstallation und Online-Medien.

Er zieht dokumentarische, literarische, filmische und musikalische Beziehungslinien zum Tod, zum Verlust des Sich-Erinnern-Könnens und zur Situation von Migranten, dem Verlust von Heimat bis zur spirituellen oral- und narrativ weitergegebenen „Griot“-Musik Westafrikas, der man nachsagt, sie könne eine lebendige Erinnerung an Verstorbene wachhalten.

Vokal-Akrobatik

Der Schweizer Sänger und Komponist Andreas Schaerer, den man so oft wie unzureichend als „Vokal-Akrobaten“ bezeichnet, experimentierte schon als Schafe hütender Jüngling auf der Alm mit seiner Stimme, nahm etwa ein „Duo für Nähmaschine und Mundharmonika“ auf Kassette auf.

Als Teenager machte er Punk, später gründete er die Jazzwerkstatt Bern mit, tourt mit seinem preisgekrönten Sextett „Hildegard Lernt Fliegen“ um die Welt. Heute begegnet man ihm von aktuellem Jazz über zeitgenössische klassische Musik bis hin zu Hip-Hop oder bei der Vertonung von Computer-Games.

Bei Jazz & The City 2018 wird er nicht nur ein Solo-Programm singen, sondern auch im Trio „Après Nous Le Déluge“. Dieses wahnwitzig vielseitige, schweizer-österreichische Trio macht sich an Swing, Afrikanischem, Blues und gar Hip-Hop zu schaffen und kreiert damit neue, immer einfallsreiche und spielwitzige Klangerlebnisse zwischen betörender Lyrik, Komik und Vollgas-Performance.

Und noch mehr StimmkünstlerInnen

Der britische Jazz-Sänger Ian Shaw, Vorbild und Freund für etwa Jamie Cullum, konnte 2016 bereits die FestivalbesucherInnen begeistern. So ehrlich, beseelt und gleichzeitig humorvoll wie er singt, das macht ihm kaum einer nach.

Als Duett-Partnerin bringt er dieses Jahr nicht etwa Lady Gaga, mit der er auch schon aufgetreten ist, sondern die fabelhafte Liane Carroll, die ihn wiederum gerne als „the best Jazz singer around“ bezeichnet.

Von Broadway-Songs über Jazz-Standards bis zu Pop-Klassikern reicht deren enorm unterhaltsames Programm – oft im Jazz Express in London zu erleben, bisher so noch nicht in Salzburg.

Publikumslieblinge

Im vergangenen Jahr war der in New York beheimatete, singende und Gitarre-spielende Songwriter Jeff Taylor schnell vom Geheimtipp zum Publikumsliebling bei „Jazz & The City“ avanciert. Mit tiefer Stimme trägt er seine ehrliche, biographisch anmutende Poesie klar und Empathie-erregend vor.

Als Stimmgeber von Mark Guilianas Projekt „Beat Music”, als Zappa-Zwerg mit den LA Philharmonikern oder als einziger Vokalist auf Donny McCaslins Album „Beyond Now” – mit dem er soeben auf US-Release-Tour war – besonders aber mit seinen eigenen Bands und Songs passt Jeff Taylor perfekt in unsere Zeit. Und immer wieder gerne nach Salzburg.

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