Im Gespräch mit Erzabt Korbinian Birnbacher (c) Andreas Kolarik

Ein Gespräch mit Erzabt Korbinian Birnbacher

Ein Gespräch mit Erzabt Korbinian Birnbacher OSB, Erzabt von St. Peter.

Michael Kerbler (MK): Pater Korbinian, ich möchte unser Gespräch mit Bertolt Brecht beginnen: Der Zettel des Brauchens.

„Viele kenne ich, die laufen herum mit einem Zettel, wo draufsteht, was sie brauchen. Der, der den Zettel zu sehen bekommt, sagt, das ist viel. Aber der, der ihn geschrieben hat, sagt, das ist das Wenigste. Mancher aber zeigt stolz seinen Zettel, auf dem steht wenig.“

Was – mit Blick auf den 24. Dezember, Heiligabend – was braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Was braucht er wirklich?

Pater Korbinian (K): Ich glaube, dass der Mensch, um am 24. Dezember und damit bei der Menschwerdung anzukommen, letztlich ganz wenig, aber zugleich etwas sehr Kostbares braucht, nämlich Zeit. Und deshalb muss der Mensch offen sein und er muss vor allem auch fähig sein, sich auf andere Menschen, ihre Themen, ihre Probleme einzulassen.

Ich denke, das haben wir über weite Strecken verloren und hecheln irgendwelchen vermeintlichen Bedürfnissen nach. Das Schönste ist – schlicht und ergreifend – die Begegnung mit Menschen. Und das geschieht ja auch an Weihnachten, zumindest in unserer Überzeugung als Christen: Dass Gott Mensch wird.

Dass die Transzendenz wirklich eingreift in diese Welt und mich als Geschöpf ernst nimmt und ich letztlich auf derselben Ebene bin wie Gott. Gott kommt als Geschenk, als Mensch, ja als kleines Kind, das letztlich entwaffnend ist, in diese Welt.

MK: Ich möchte noch einmal auf diesen Zettel des Brauchens zurückkommen. Wieviel an Nahrung oder Kleidung, oder an Wohnungsgröße oder Einkommen darf man für sich in Anspruch nehmen, ohne maßlos zu werden?

K: Das Maß kann für jeden unterschiedlich sein. Gerade als Benediktiner sage ich, dass das rechte Maß sozusagen verhandelbar ist. Der heilige Benedikt sagt, wenn einer mit weniger auskommen kann, dann danke er Gott, aber er erhebe sich nicht über den anderen, der mehr braucht.

Ich denke, es ist eine innere Distanz zu den Dingen, die mich frei macht. Aber das merken ja viele Menschen nicht oder können es nur schwer erfahren, dass, wenn ich ganz, ganz wenig habe, letztlich unglaublichen Reichtum besitze. Oft habe ich erlebt, dass ganz Reiche, Superreiche, oft so arm sind, weil sie in ihrem Innersten nichts haben, was sie erfüllt.

MK: Gibt es für Sie, jenseits des Glaubens, Werte, die Sie als so unverzichtbar wie die Luft zum Atmen einstufen würden? Von denen Sie sagen, das ist für mich ein Pflichtwert. Ohne den geht es nicht, dieser Wert ist unverzichtbar.

K: Unverzichtbar ist für mich Toleranz. Den anderen Menschen auch anders sein lassen, den Schwachen auch annehmen und ihn nicht abwerten, sondern im Gegenteil, ihm sogar helfen. Also das ist für mich etwas ganz Wichtiges. Das erfahre ich auch persönlich, da werde ich auch als Abt am Öftesten in Frage gestellt.

Ja siehst Du das nicht, Du musst da einschreiten, Du musst jetzt dieses oder jenes anordnen, damit der dies oder jenes nicht mehr tut. Und gerade da ist für mich Benedikt ein ganz großer Lehrmeister, der das einfach zulassen kann. Dem kein Zacken aus der Krone fällt, sondern im Gegenteil, der sich freut, wenn ein anderer wächst, wenn ein anderer Mensch Erfolg hat.

MK: Sie meinen den Heiligen Benedikt.

K: Den Heiligen Benedikt, ja. Nicht Papst Benedikt.

MK: Es gibt zurzeit gar nicht so wenige Menschen, die das Gefühl verspüren, dass wir uns in einer Art Auflösungsprozess – der die Gesellschaft betrifft – befinden. Der Zusammenhalt der Gesellschaft wird porös, erodiert. Die Vereinzelung des Individuums wird intensiver. Die Literatur vermag sehr oft solche Entwicklungen vorauszuspüren.

Der lateinamerikanische Schriftsteller Eduardo Galeano schreibt in seinem Buch „Die Füße nach oben“, das den bezeichnenden Untertitel „Zustand und Zukunft einer verkehrten Welt“ trägt, folgendes: „Auf einer Ausfallstraße von Moskau verunglückt ein Auto, der Fahrer klettert aus dem Wrack und wimmert, mein Mercedes, mein Mercedes.

Jemand antwortet, aber mein Herr was kümmert sie ihr Auto, sehen sie nicht, dass sie einen Arm verloren haben. Da schluchzt der Mann indem er auf seinen blutigen Armstumpf blickt und sagt: Meine Rolex, meine Rolex.“

Leben wir bereits in einer verkehrten Welt, Pater Korbinian? Was macht ein aus dem Gleichgewicht geratenes Koordinatensystem mit mir, wenn ich nicht mehr weiß, was ist wichtig und was weniger wertvoll ist? Oft, so scheint es, kennen wir zwar den Preis, aber nicht den Wert.

(c) Andreas Kolarik
(c) Andreas Kolarik

K: … und alles wird sozusagen gleichgültig. Und damit letztlich irrelevant. Weil es nicht mehr diese Bedeutung findet.

Ja, ich denke schon, dass im Innersten des Menschen sehr wohl dieser Gradmesser vorhanden ist. Nur: der wird heute dermaßen überlagert durch die Werbung, durch künstlich vermittelte Bedürfnisse, was man alles haben muss, damit man etwas gilt. Ein ganz erschreckender Trend ist bei Jugendlichen die Schönheitsoperation.

Dass ich mich selbst als nicht schön empfinde, weil ich meine, ich müsse genauso ausschauen wie die Barbie-Puppe oder ihr Pendant, nämlich Ken. Das ist schon erschreckend. Und da sehe ich natürlich ein ganz geringes Selbstwertgefühl dahinter.

Aber ich habe trotz aller Unkenrufen das Vertrauen, dass die Menschen immer wieder die wichtige Erfahrung machen, ja, ich bin auch jemand ohne Rolex, ohne Mercedes, und es ist wichtig, dass ich diesen Arm habe, mit dem ich vielleicht versöhnen darf, mit der ich einem anderen die Hand geben kann, auf ihn zugehen kann.
Das ist verschüttet, aber es ist nicht ganz weg. Im Tiefsten, in diesen tiefen Schichten glaube ich ist es schon vorhanden. Und wenn es nur die Sehnsucht danach ist, aber das ist ja schon das Entscheidende.

MK: Ist der Advent eine Zeitspanne für Sie, wo man sich buchstäblich Zeit nehmen sollte, wieder mehr im Plural zu denken? Dass jeder von uns mehr an das Wir und weniger an das Ich denken soll?

K: Teils, teils. Vielleicht brauche ich Zeit für mich allein. Einen Rückzugsort, eine Phase der Entschleunigung. Entgiftung oder Verzicht. Der Advent ist doch nicht die Zeit des Punsches und der Plätzchen, die einem dann schon aus den Ohren herausstauben. Oder der Lieder, die man dann schon nicht mehr ertragen kann, weil der Advent, der eine ganze Industrie geworden ist, tobt. Gerade hier in Salzburg in der Altstadt kann man das bestens nachvollziehen.

Manchmal hat der Rückzug auf das „Ich“ zur Folge, dass ich mich wieder selbst spüre, selbst wahrnehme und damit das „Wir“ erst überhaupt wieder in den Blick kommt. Wenn ich das „Wir“ gleich als erstes einfordere, aber das „Ich“, das noch nicht hält, was es eigentlich verspricht, vernachlässige, dann wäre es auch verkehrt. Also ich glaube, beides gehört zusammen, das „Ich“ und das „Wir“.

Zwischen beiden, dem Ich und dem Wir, dem Einzelnen und der Gemeinschaft, da muss es eine Solidarität geben, vielleicht sogar eine Komplizenschaft. Also wo man sagt, die müssen zusammenarbeiten und sich letztlich gegenseitig stützen.

MK: Was meinen Sie mit „Komplizenschaft“ konkret?

K: Es geht darum, dass man einander ein tiefes inneres Einverständnis signalisiert. Wo man sich geradezu hämisch freut: jetzt marschieren wir da gemeinsam, jetzt bin ich nicht mehr allein. Ich bin nicht das kleine bedeutungslose Rädchen.

Nicht: auf mich kommt es nicht an, sondern: ich habe in welcher bedeutenden oder unbedeutenden Funktion auch immer, sehr wohl eine Verantwortung für das Ganze. Wenn das nicht im Kleinen gelingt, dann kann es erst recht nicht im Großen gelingen.

MK: Die Caritas betont sehr oft, dass Teilen ein Akt der Bereicherung sei. Seine Zeit mit anderen Menschen zu teilen, gerade im Advent, ist das in Ihren Augen ein passendes Geschenk?

K: Also ich persönlich mache das so. Ich habe im Advent eigentlich wenige Termine. Zwar werden sie dann ad hoc wieder viele. Aber eben, weil ich bewusst Zeit schenke und mir Zeit nehme. Und daher gehe ich auch immer stressfrei in diese Zeit hinein. Und feiere dann wirklich auch gelassen Weihnachten.

Aber für mich ist Zeit das aller Kostbarste. Ich glaube wirklich, Zeit – dort wo sie aufrichtig und ehrlichen Herzens geschenkt wird – ist letztlich Liebe und das ist das Größte, das es gibt. Das verzaubert mich und das ist auch eine gültige, eine feste Währung. Nicht irgendein Placebo, so, jetzt wirst du mal kurz vertröstet, aber im Übrigen geht es dann genauso blöd weiter wie vorher. Nein!

MK: Braucht es in dieser Zeit des Innehaltens, um die eigene Mitte zu finden, nicht beides: Verzicht und Genuss?

(c) Andreas Kolarik
(c) Andreas Kolarik

K: Also ich denke, beides steht in einem unmittelbaren Zusammenhang. Ich verzichte in der Fastenzeit auf Fleisch und es tut nach einigen Wochen gut, es wieder neu genießen zu dürfen.

Sich bewusst werden, das ist ein kostbares Lebensmittel. Und das ist viel wertvoller und wäre auch pekuniär viel wertvoller, als es in Zeiten der EU-Förderungen zur Industrie geworden ist.

Ich bin auch davon überzeugt, dass rechtes Maßhalten sehr wohl auch hohen Lustgewinn bedeutet, wenn ich selbst die Fähigkeit habe, genießen zu können. Damit meine ich, eben nicht alles in sich hineinzustopfen oder jetzt alles haben wollen und das ohne Geduld.

Darum ist das Essen eine hohe Form der Kultur. Schon ein Essen vorzubereiten. Wenn ich weiß, wie lange das eigentlich dauert und braucht, bis ein so wunderbarer Braten zubereitet ist und ich ihn genießen kann, dann erhöht das den Lustgewinn. Und ich denke, da braucht man auch kein schlechtes Gewissen haben. Also das ist falsch verstandene christliche Moral. Also dafür bin ich sicherlich nicht zu haben, sich da sauertöpfisch griesgrämig sich nichts zu gönnen. Sondern im Gegenteil, Gönnen oder sich etwas zu gönnen hat damit zu tun, die Qualität neu wertzuschätzen und zu begreifen.

MK: Höre ich da heraus, dass die Vorfreude sehr, sehr wichtig ist? Und auch die verzögerte Belohnung. Wenn man sich erst etwas verdienen muss, das muss ja nicht im pekuniären Sinn gemeint sein. Und daran arbeitet, diese kindliche Haltung nach sofortiger Befriedigung zu domestizieren.

Eine Bedürfnisbefriedigung, die so funktioniert, als würde man einen Euro in den Wurlitzer werfen, um sofort Musik zu hören. Ist ein Verzicht in diesem Sinn ein Stück Freiheit in der Konsumgesellschaft oder von der Konsumgesellschaft?

K: Auf jeden Fall! Ich bin sehr froh, dass Sie den Begriff Freiheit einbringen. Denn da bin ich in der Freiheit selbst bestimmt. Es ist meine Entscheidung, ob ich jetzt das Stück Schokolade, das da vor mir liegt, heißhungrig in mich hineinstopfe oder ob ich sage, nein, ich stehe über dem und ich kann da noch warten, bis zum Ende dieser Fastenzeit oder dieser Adventszeit.

MK: Was bedeutet in diesem Zusammenhang für Sie Freiheit: Bedürfnislosigkeit?

K: Nein, ich glaube, dass zur Freiheit sehr wohl auch Bedürfnisse gehören. Aber man muss einen guten Schnitt entwickeln. Das verlangt eigentlich niemand, dass man so gar keine Freude haben dürfte. Mönche wurden zumindest früher immer als Asketen bezeichnet. So lautet das griechische Wort dazu und das heißt ja eigentlich nichts anderes als „üben“. Und wer übt, der übt ja nur etwas Vorläufiges aus. Das ist nichts Endgültiges.

Vielleicht bedeutet es ein Stück weit einüben, um, wenn man ins Paradies oder in das Himmelreich – wie immer man diese Vorstellung bezeichnet – hineinkommt, um dann diese Freiheit wirklich in vollen Zügen genießen zu können. Wir leben natürlich in unseren Denkkategorien und können aus unseren Vorstellungen nicht heraus. Der Glaube weitet dann natürlich noch einmal die Dimensionen.

Darum können wir relativ wenig dazu sagen, wie es dann tatsächlich ausschaut, wenn man durch das Nadelöhr durchgegangen ist. Aber hier und jetzt, in unserer Zeit, unserer Welt, ist die Freiheit begrenzt. Ich muss möglichst frei mit meiner und der Freiheit der Anderen umgehen lernen.

MK: Was wünscht sich Pater Korbinian zu Weihnachten?

K: Zu Weihnachten wünsche ich mir, dass die Menschen, für die ich in erster Linie verantwortlich bin, den Reichtum erkennen, den unser Leben eigentlich bietet. Und dass sie sich nicht selbst im Wege stehen, sondern in einer absichtslosen Freude und – ja – in einer bedingungslosen Kommunikation das Leben entdecken, die Menschwerdung entdecken, lernen mit den eigenen Grenzen und auch Fehlern, ja sogar Abgründen, umzugehen.

Ich wünsche mir, dass sie sich damit versöhnen und begreifen: Da ist dieser Mensch gewordene Gott und er macht das nur für dich und mich. Und dass letztlich diese Harmonie nicht bloß ein Sehnsuchtsbegriff ist, sondern tatsächlich schon hier, im Diesseits realisierbar ist.

MK: Zum Schluss möchte ich eine Frage in zwei Varianten stellen, nämlich was die Bedeutung und Betonung des Satzes betrifft: Was fehlt Ihnen zum Glück.

K: Was mir zum Glück fehlt? Ich glaube, gar nichts fehlt mir zum Glück. Ich bin nur nicht immer imstande, das auch zu begreifen. Man wünscht sich dann vielleicht doch irgendetwas ganz Konkretes und das ist es aber gar nicht.

MK: Und was fehlt Ihnen – zum Glück? Also Gottseidank.

K: Zum Glück fehlt mir ein Leben in – das klingt jetzt komisch für einen Mönch und den Abt – ein Leben in hierarchischen Abhängigkeitsverhältnissen. Wir sind gar nicht so ausgeliefert anderen Willkürlichkeiten, sondern wir sind letztlich Geschwister mit gleicher Würde und gleicher Freiheit.

Ich weiß, dass sehr viele Menschen in Arbeitsverhältnissen stecken und dort so richtig den Hierarchien ausgeliefert sind und das ist das Allerschlimmste, wenn dann ein unfähiger Chef die schlimmsten Dinge verlangt und du musst es tun. Und: Du hast keine Chance, irgendwo anders hinzugehen.

Und das ist eigentlich für mich das Schönste, dass das in meinem Leben – Gott sei Dank – nicht so eine Bedeutung hat.

MK: Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Korbinian Birnbacher OSB ist Benediktiner und Erzabt der Erzabtei St. Peter in Salzburg.

Er wurde 1967 in Bad Reichenhall als Georg Birnbacher geboren. Im Juni 1994 hat er im Salzburger Dom von Erzbischof Georg Eder die Priesterweihe empfangen. Seine Studien – Theologie und Geschichte – absolvierte er in der Universität Salzburg und in der Ordenshochschule in Rom.

Birnbacher gehört seit dem Jahr 1987 dem Benediktinerorden an. Im Alter von 46 Jahren wurde er vom Wahlkapitel des Konventes zum 88. Abt und 6. Erzabt von St. Peter gewählt. Vor mehr als fünf Jahren, am 21. April 2013, wurde er unter großer öffentlicher Anteilnahme zum Erzabt von St. Peter in Salzburg geweiht. Er betonte seine Intention: „Die Menschen, die zu uns kommen, aufrichten.“ Birnbachers Amtszeit beträgt vorerst zwölf Jahre.

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